Eingewöhnung in die Krippe - Foto © fotolia„Guten Tag, meine Tochter, 14 Monate, wird gerade in der Krippe eingewöhnt. Nach dem Berliner Modell. Was wohl heißt, dass Sie immer länger von mir getrennt bleiben muss, obwohl Sie die ganze Zeit brüllt.“

Meine Tochter lässt sich nicht beruhigen

„Mir geht es sehr schlecht damit. Heute hat sie sich erstmalig von den Erziehern beruhigen lassen, was von den Erzieherinnen. als großer Erfolg gewertet worden ist. Zu mir hat Sie keinen Blickkontakt aufgenommen. Wollte nicht mehr auf den Arm. Nachts weint Sie immer. Die Erzieher sagen es ist normal. Ich empfinde es nicht so …“ Und einige Wochen später: Tatsächlich besteht das Problem immer noch und wir haben uns diese Woche erst einmal gegen die Krippe entschieden. Meine Tochter schreit durchgehend auch noch nach 4 Wochen. Das möchte ich nicht für Sie…“

Diese Mail einer verunsicherten Mutter erreichte die Redaktion fürKinder. Solche und ähnliche Schilderungen finden sich in Blogs und Postings in Sozialen Medien tausendfach. Ein Grund für uns, Experten und kompetente fürkinder-Autoren um Stellungsnahmen zu bitten – als Antwort und konkreten Rat für die Mutter und als Fachkommentar zum Problem der Eingewöhnung von Kleinkindern in die Krippen-Betreuung.

Gut, dass Sie auf Ihr Gefühl gehört haben!

Blog_Autoren_Portrait_Renz-Polster_HerbertDas ist ein „Problem“ mit dem Sie nicht allein sind, denn Kinder gehen  gerade im zweiten Lebensjahr, wo sie ein immer stärkeres Ich-Bewusstsein aufbauen sehr unterschiedlich mit Trennung und Neuerungen in ihrem Leben um. Die Reaktion  ist ganz normal – auch wenn Sie bestimmt die vielen gleichalten Kinder im Auge haben, bei denen „das ja problemlos klappt“. Ja so ist das: Kinder sind verschieden, bei denen klappen dann vielleicht andere Dinge nicht problemlos.

Gestresste Kinder lernen nicht

Ihr Kind zwingen zu wollen taugt nicht, denn die wichtigste Voraussetzung wäre ja, dass Ihr Kind sich dort beheimatet und wohl fühlt – gestresste Kinder lernen nicht. Dass Ihr Kind so nachhaltig weint zeigt an, dass es mit der Trennung noch überfordert ist und das irgendwie als bedrohliche Situation abgespeichert hat. Dass es sich „mal“ trösten lassen hat, heißt noch lange nicht, dass es genug Sicherheit und Heimatgefühl in der Einrichtung entwickelt hat – das ist erst gegeben, wenn es sich verlässlich trösten lässt und vor allem dann auch gern spielt und leuchtende Augen hat.

Fehlt Ihrem Kind dadurch etwas? Nein, denn ganz grob kann man zum „Entwicklungsplan“ der Kinder sagen: im ersten Jahr haben Kinder nichts von Gruppen, im zweiten können sich manche schon auf andere Kinder ganz gut einlassen, sind aber von Ganztagsbetreuung noch regelmäßig überfordert. So richtig auf die soziale Welt gehen die meisten Kinder dann im Lauf des dritten Lebensjahres los, nicht wenige tun das aber auch erst mit 3.

Bleiben Sie bei dem, was sich bewährt hat

Und in der Zwischenzeit? Wenn irgend möglich bleiben Sie bei dem was sich bewährt hat – das Wichtigste ist jetzt, dass Ihr Kind sich in der Familie wohl fühlt und dort mitmachen und den Alltag entdecken kann. Es wird anzeigen, wenn die anderen Kinder ihm ganz doll wichtig werden. Vielleicht finden Sie bis dort auch Verbindungen zu anderen Familien mit Kindern können sich irgendwie untereinander vernetzen?

von Dr. Herbert Renz Polster

Jedes Kind reagiert anders – und seine Reaktionen sind auf jeden Fall ernst zu nehmen

Blog_Autoren_Portrait_Behncke_BurghardtSehr anschaulich beschreiben Sie das Problem Ihrer vierzehn Monate alten Tochter bei ihrer Eingewöhnung in die Kinderkrippe nach dem Berliner Modell sowie ihr eigenes diesbezügliche Leiden. Es ist sicher für Sie kein Trost, dass zahlreiche Mütter  bei Krippeneintritt ihrer kleinen Kinder und der damit verbundenen Trennung von ihnen ähnliches erleben. Online-Foren sind voll von solchen Schilderungen und auch so manche morgendlichen  Abschiedsszenen in und vor Kinderkrippen sprechen Bände.

Sind die Reaktionen Ihrer Tochter normal, wie die Erzieherinnen behaupten?

Sie sind normal, allerdings in der Weise, dass Ihr Kind sich heftig gegen das wehren, was ihr unzumutbar und beängstigend erscheint: ihre Mutter, die sie liebt und dringend braucht, gegen ihren Willen für eine in ihrem Alter nicht abschätzbare Zeit aufzugeben, und das für eine beschäftigte Erzieherin, die sie mit nicht wenigen anderen Kindern teilen muss. Diese Situation erzeugt bei ihr Stress und kostet Kraft. Ihr innerer Zustand wird dann auch nachts deutlich: Verzweiflung, Trauer, Enttäuschung.

All dies sind normale Reaktionen und Sie können stolz darauf sein, dass Ihre Tochter sie vital auszudrücken vermag. Manche anderen kleinen Kinder nehmen diese völlig neue Situation bald hin, fügen sich angeblich schnell ein, spielen dann vielleicht still für sich. Aber Studien zeigen, dass auch sie oft unter erheblichem Stress leiden. Auch Ihr Kind und andere Protestierende werden sich beruhigen, jedenfalls nach außen hin. Aber was heißt das?

Trennungs-Stress auch noch nach der Eingewöhnung

Eine deutsche Studie belegt, dass bei den untersuchten 15 Monate alten Krippenkindern der Stress während und nach der Eingewöhnungszeit im Durchschnitt erheblich war. Die anhand des Mundspeichels gemessenen Werte des Stresshormons Cortisol lagen nach ihrer Trennung von ihren Müttern gegenüber den vorherigen häuslichen um 70 bis 100 % höher! Selbst bei 5 Monaten Aufenthalt in der Krippe – mit 40 Stunden pro Woche – waren die Werte im Durchschnitt noch ca. ein Drittel höher als die ursprünglich zu Hause gemessenen.

Natürlich ist die Eingewöhnung in der Kinderkrippe zu begrüßen, aber sie mildert nur sehr begrenzt den Stress. Auch ist zu berücksichtigen, dass es sich um Durchschnittswerte handelt. Jedes Krippenkind reagiert anders, manche vertragen den Aufenthalt dort besser als andere. Aber die Problematik kann nicht geleugnet werden.

Im Einklang mit einer aufwändigen und umfangreichen Untersuchung in den USA muss festgestellt werden, dass für Kleinkind umso mehr Risiken bezüglich seelischer und körperlicher Beeinträchtigungen bestehen, je früher im Alter und umfangreicher an Stunden pro Woche sie in einer Kinderkrippe untergebracht werden. Diese Folgen können langfristig sein.

Natürlich spielt auch die Qualität der Einrichtung eine Rolle. Aber selbst wenn sie gut oder sehr gut ist – was bei uns eher  selten vorkommt -, ist ein Entwicklungsrisiko vorhanden. Solche Informationen gelangen leider zu selten an die Öffentlichkeit, schon gar nicht durch unsere Regierung.

Welche Folgerungen können daraus gezogen werden?

Auf jeden Fall sind direkte und indirekte emotionale Vorbehalte des Kleinkindes auf den Eintritt und Aufenthalt in einer Krippe ernst zu nehmen. Der Kontakt zur eigenen Familie und gerade zur Mutter ist und bleibt für das Kind von hoher Bedeutung und seine Reduzierung ist schmerzhaft. Es ist zu überlegen, ob ein Kleinkind erst einmal zu Hause bleiben kann. Ist es bereits in der Einrichtung und kommt schlecht damit zurecht, so könnte eine Rückstellung in Erwägung gezogen werden.

Ein Eintritt in eine Kindertagesstätte mit drei Jahren  ist normalerweise nicht problematisch, ja kann das Kind auch bereichern und fördern. Aber wenn ein häuslicher Aufenthalt bis dahin aus finanziellen Gründen nicht machbar ist, bei der derzeitigen Familienpolitik leider keine Seltenheit, sollte der Krippenaufenthalt so kurz wie irgend möglich gehalten werden.

Auch könnten Alternativen erwogen werden. Denkbar wären die Hilfe  einer vertrauten Verwandten, ein Aufenthalt bei einer Pflegemutter bzw. -familie mit wenigen Kindern oder die Einstellung einer geeignete Fachkraft  mittels Selbstorganisation weniger Mütter. Wertvoll ist schon allein das Wissen über das Risiko von Krippenbetreuung und eine entsprechende Sensibilisierung dem eigenen Kleinkind gegenüber. Entscheiden muss jede Familie selbst, wie sie damit umgeht, zumal jede Situation eine andere ist.

von Burghard Behncke

Eingewöhnung in die Krippe – wie und unter welchen Bedingungen?

Blog_Autoren_Portrait_Pohl_GabrieleGenerell gilt: wenn keine Notwendigkeit besteht, ein Kind in die Krippe zu geben, weil z.B. die Eltern arbeiten müssen, wäre eine vertraute und feste Bezugsperson, bei der das Kind sich geborgen fühlt, einer Krippe vorzuziehen. Ein Krippenkind braucht jedenfalls keine Frühförderung! Das glauben allerdings viele Eltern, weil ihnen das zunehmend suggeriert wird. In aller Ruhe sich und seine Umgebung erkunden zu lassen und den Erwachsenen in  seiner Tätigkeit nachzuahmen, gelegentlich andere Kinder zu erleben, reicht dem Kleinkind aus.

Die ersten drei Jahre sind zudem eminent wichtig für die Bindungsfähigkeit und den Aufbau von Vertrauen in die Welt. Dazu braucht es den zuverlässigen Erwachsenen.

Heute gibt es für Eltern gute Gründe, ein Kind in die Krippe zu geben. Eine sorgfältige Wahl bei der Krippe wäre wünschenswert, wenn auch leider nicht immer machbar. Ein Krippenkind kann nur eine kleine Kindergruppe verkraften und sollte nicht einem häufigen Personalwechsel ausgesetzt sein.

Entwicklung einer sicheren Bindung

Jedes Kind hat das natürliche Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Durch die zuverlässige Befriedigung seiner Grundbedürfnisse (Hunger, Durst, Schlafen, Nähe etc.) entsteht eine sichere Bindung zwischen dem Kind und der Hauptbezugsperson.

Diese Bindung ist die Voraussetzung dafür, dass das Kind seinem Drang, die Umwelt zu erforschen, nachgehen und sich entwickeln kann. Ein guter Bindungsaufbau ist für das Wohlbefinden und folglich für die seelische Gesundheit des Kindes zu einem großen Teil mit verantwortlich. Ebenso wird in der frühen Kindheit das Bindungsverhalten für das gesamte Leben angelegt.

Es ist daher besonders wichtig, dass jedes Kind auch in der Einrichtung eine feste, zuverlässige und konstante Bezugsperson hat.

Die Bindung zu dieser sollte langsam und schrittweise während des  Eingewöhnungsprozesses aufgebaut werden.

Die Rolle der Bezugserzieherin

Eltern und Erzieherin lernen sich in der Regel beim Aufnahmegespräch und beim Elternabend kennen. Die Bezugserzieherin wird dann zur Begleiterin des Kindes; sie übernimmt schrittweise die Pflege und Versorgung und wird, wenn die Eltern nicht mehr mit in der Einrichtung sind, zur Trösterin und Begleiterin des Kindes. Für die Eltern ist sie die Gesprächspartnerin für alle Fragen, die ihr Kind betreffen.

Der Ablauf der Eingewöhnung

So viel Zeit bedarf die gelingende Eingewöhnung eines Kindes: Mindestens drei Wochen, individuell auch länger. Auch Kinder, die bereits Erfahrung z.B. mit einer Tagesmutter oder einem Spielkreis haben, brauchen ihre Zeit des Ankommens und des Vertrautwerdens in einer neuen Umgebung.

So sollte der Ablauf sein:

In der Grundphase begleiten die Eltern ihr Kind und sind für es da. Die Eltern sind an den ersten drei Tagen nur ein bis eineinhalb Stunden in der Krippe. In diesen Anfangstagen nimmt die Erzieherin nur dezent Kontakt zu dem Kind auf, begleitet die Eltern aber durch den Tag. Jeden Morgen besprechen sie miteinander, wie das Kind den vorigen Tag verkraftet hat, und wie der Plan für das weitere Vorgehen ist.

Nach drei Tagen beginnt die Zeit, in der die ersten „Trennungsversuche“ stattfinden. In enger Absprache mit der Bezugserzieherin verabschieden sich die Eltern von ihrem Kind, um kurz den Raum zu verlassen. Nun beginnt es zu üben, sich im fremden Raum, mit fremden Spielkameraden, von einer anderen Person trösten zu lassen. Dabei sollte besonders achtsam mit den Kinder umgegangen werden, damit sie nicht überfordert werden.

Täglich wird die Anwesenheitszeit der Eltern ausgeweitet, ebenso die Trennungszeit. In der Regel ist es so, dass das Kind nach zwei Wochen in der Lage ist, den ganzen Vormittag über in der Krippe zu verbringen, und dabei ca. zwei Stunden auf die Eltern zu verzichten. Der Schritt dahin, dass ein Kind morgens nur noch kurz die Begleitung der Eltern braucht, um anzukommen, und die Eltern dann gegen Mittag wieder kommen, ist dann nun nur noch ein kleiner.

Während der Stabilisierungsphase und der geglückten Trennung lebt sich das Kind Schritt für Schritt in die Gruppe ein. Diese Zeit dauert, je nach Kind, verschieden lang. Innerhalb der nächsten drei bis vier Wochen jedoch kommt das Kind zu einer solch großen Sicherheit, dass der Mittagsschlaf auch ohne Probleme möglich sein wird. Hier sollten die Eltern noch mal drei Tage während der Mittagszeit in der Krippe verbringen, bis ihr Kind diesen Schritt auch noch geschafft hat und den ganzen Betreuungszeitraum mit gutem Gefühl bei den Erziehern verbringen kann.

Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn sich ein Kind von seiner Bezugserzieherin trösten lässt und gut in den Schlaf findet.

Ein Kind dauerhaft weinen zu lassen bei ihm wenig bekannten Menschen und es damit einer für das Kind bedrohlichen Situation (weil die Mutter fort ist) auszusetzen, ist sehr bedenklich. Das Vertrauen des Kindes wird dadurch nachhaltig erschüttert. Behutsamkeit ist hier gefordert und Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse des einzelnen Kindes. Ein Programm „Wir machen das hier immer so“ wird dem Kind sicher nicht gerecht. Gefragt ist aber auch das Vertrauen der Eltern in die Erzieher. Wenn die Eltern nicht loslassen können, kann das Kind das erst recht nicht.

von Gabriele Pohl

Links zum Thema

Info-pdf

Berliner Modell, eine Handlungsübersicht